TRAUMWIND

Krüger Verlag - ISBN 978-3-8105-1317-5



Es war an einem heißen, rauen Tag Mitte Januar auf der Südhalbkugel. George und Richard standen am Bug der Bark Henrietta an Backbord und sahen die zerklüftete Küste vorbeiziehen. Sie waren still. Nach drei Monaten auf See waren sogar Richard die Worte abhanden gekommen. Beide waren gelangweilt und kribbelig, hatten kein Heimweh mehr, waren nicht mehr seekrank und sehnten sich nur noch danach, wieder festen Grund unter den Füßen zu haben.

Als das Schiff jedoch die südliche Landspitze umfuhr, löste sich ihre Erstarrung, und sie schauten ehrfürchtig nach vorn.

„Mein Gott!", flüsterte Richard. „Man hat uns ja gesagt, es sei schön hier. Aber sieh dir das nur an, George!"

Dann segelte die Henrietta in den Schoß des Hafens von Sydney.

George und Richard Ross sind von ihrem erzürnten Vater in die australische Kolonie verbannt worden, da er sie nicht länger mit Geld aus irgendwelchen Scherereien auslösen will. Er hat ihnen jeweils die stattliche Summe von fünfhundert Pfund für den Anfang mitgegeben und droht, nichts mehr mit ihnen zu tun haben zu wollen, wenn sie nicht innerhalb von fünf Jahren auf eigenen Füßen stehen. Die beiden jungen Männer kaufen eine Farm in Südaustralien und machen Pläne.

..Araluen. So werden wir das Anwesen nennen", verkündete George eines Tages.

..Araluen?", fragte Richard zweifelnd. „Was bedeutet denn ‚Araluen’?"

..‚Ort der Wasserlilien’", erklärte George. „Es ist ein Begriff der Aborigines. Ich habe ihn von einem Einheimischen erfahren."

..Ich habe keine Wasserlilien gesehen."

..Das ist nur, weil du nie hinsiehst. Mach mal einen Ausflug hinunter an den Fluss am östlichen Ende des Tals. Da gibt es ein Wasserloch, das mit ihnen zugewachsen ist."

..Na gut, dann eben Araluen."

George stürzt sich in die Arbeit, aber es ist der Faulenzer Richard, der auf die Idee kommt, die der Familie Reichtum bescheren wird. Georges Enkel Franklin wird diesen Reichtum nutzen, um ein Wirtschaftsimperium aufzubauen, das bis in die Glitzerwelt von Hollywood reicht.

..Wein! Wir werden Wein anbauen!", rief Richard drei Wochen später, als er vom Arzt zurück kam. Sein Husten hatte sich verschlimmert, und der besorgte George hatte darauf bestanden, dass er einen Arzt konsultierte.

„Wovon redest du, Dickie? Ich dachte, du wärst beim Arzt gewesen."

„War ich ja auch, und er sagt, wir sollten Wein anbauen. Er hat mir ein paar Stecklinge geschenkt. Sie sind auf dem Pritschenwagen. Komm und sieh sie dir an."

„Und was ist mit deiner Brust? Mit dem Blut, dass du gestern gespuckt hast? Was hat er über ...?" George folgte seinem Bruder hinaus auf die Veranda.

„Ach, geh fort mit der Brust – sieh dir das hier nur an!" Richard langte in den Pritschenwagen und hielt eine Handvoll Weinstecklinge hoch. „Hier ist unsere Zukunft, George." Er trat neben seinen Bruder auf die Veranda und drückte ihm einen Steckling in die Hand. „Hier!" So aufgeregt hatte George ihn noch nie erlebt. Verständnislos starrte er auf den Steckling, dann wieder auf seinen Bruder. „Welchen Wein? Wovon redest du?"

„Trauben, Mann, Trauben! Als Dr. Penfold hierher kam, brachte er Weinstecklinge aus einigen der besten Weinanbaugebiete Frankreichs mit, und er hat Erfolg! Jetzt schon! Nach nur sieben Jahren!"

„Wein?", sagte George ungläubig, als ihm klar wurde, worauf es hinauslief. „Du meinst, wir sollen unseren eigenen Wein herstellen?"

„Ja, George, ja!"

„Aber wir sind keine Winzer. Die Herstellung von Wein ist eine Wissenschaft."

„Wir sind auch keine Landwirte. Und die Wissenschaft nennt man Weinbaukunde."

„Aber davon haben wir keine Ahnung."

„Dann werden wir es uns beibringen. Damit werden wir anfangen." Richard hielt die Stecklinge hoch. „Dr. Penfold wird uns helfen – er weiß alles über Weinbau – und in zehn Jahren werden wir zu den besten Winzern des Landes gehören."