GEZEITEN DES SCHICKSALS

Krüger Verlag - ISBN 978-3-8105-8006-1



Es gibt Gezeiten für der Menschen Treiben
Nimmt man die Flut wahr, führt sie uns zum Glück

Julius Caesar, William Shakespeare

Mike schwamm einen langsamen, energiesparenden Kraulstil, wobei er die kräftigen Flossen kaum bewegte. Er genoss das Wasser an der Haut und das Gefühl, darin aufzugehen. Das ging ihm immer so. Er analysierte es nicht, doch er nahm es auch nicht als selbstverständlich hin. Er war sich stets bewusst, dass er im Wasser das Gefühl hatte, in seinem Element zu sein, als hätte er mit dem Meer etwas Besonderes gemeinsam.

Durch die schwankende Oberfläche konnte er das Riff unter sich sehen, und er tauchte kurz ab, nur sieben oder acht Fuß, um eine klarere Sicht zu bekommen.

Dann der erfrischende Augenblick, in dem jeder Laut zu existieren aufhört und alles stehenbleibt, sogar die Zeit selbst. Das gefiel ihm am Freitauchen am besten. Kein Echo schweren Atmens durch Tauchgeräte, nur er und die Welt unter Wasser. Eine Welt voller Farben und Bewegungen, in der sich in atemberaubender Stille Dramen abspielten.

Unter dem getüpfelten silbernen Baldachin aus Sonne und Meer war die Sicht perfekt, die Farben leuchtend. Die Blau- und Grüntöne der Korallen, das feurige Rot der Schwämme, die Malvenfarbe der zart wedelnden Anemonen – alles war so bunt wie ein Frühlingsgarten in voller Blüte. Er glich Druck aus, schwamm ein Stück tiefer und folgte dem Riff, durch burgähnliche Türmchen, hinter denen bunte Fische wie durch Zauberhand verschwanden, vorbei an Kanten, hinter denen ihn Langusten beobachteten, deren hervorstehende Fühler das einzige sichtbare Zeichen für ihre Anwesenheit waren, dann Schluchten hinab, durch die silberne Schwärme aus Thunfisch und Königsdorsch in ruheloser Patrouille glitten.

Er schätzte, nun etwa zwanzig Fuß Tiefe erreicht zu haben, doch vom Wrack keine Spur. Zeit, wieder aufzusteigen. Er hörte auf zu schwimmen und ließ sich langsam aufwärtsdriften, nur hin und wieder ein leichter Schlag mit den Flossen, und dann, während er beim Aufstieg dekomprimierte, beobachtete er, wie das getüpfelte Silber über ihm immer näher kam.

Als er die Oberfläche durchbrach, pumpte er seine Lunge voll Luft, kam wieder zu Atem, betrachtete das Riff unter sich. Wieder tauchte er.

Er war ungefähr fünfzehn Fuß tief, erneut in einer Welt aus Stille und Farben gefangen.

Dann wurde er auf etwas Glitzerndes aufmerksam, das im Korallenwuchs des Tals lag. Es hatte eine lange, zylindrische Form, die im Widerspruch zu der Umgebung stand, viel zu regelmäßig, um von der Natur erschaffen worden zu sein. Und als das Sonnenlicht spielerisch durch die Meeresoberfläche über ihm drang, glitzerte es wieder.

Seine Lunge sagte ihm, er müsse unbedingt wieder auftauchen. Er hatte keine Zeit, die Form zu prüfen, doch er wusste, was es war. Eine Kanone. Er hatte die Stelle gefunden. Das Wrack selbst musste in der Nähe sein.

Eine Weile trat Mike Wasser und hielt gegen die Strömung an, um nicht über die Stelle zu treiben, während er sich vorbereitete. Und als er sich vollends erholt hatte, tauchte er noch einmal.

Sobald er unterhalb der Wasseroberfläche war, entdeckte er das vielsagende Schimmern und sah die Kanone, eingenistet in ihrem felsigen Tal unter ihm. Doch als er hinunterschwamm, wurde ihm klar, dass das Tal überhaupt kein Tal war. Es war das verkrustete Wrack der Batavia.

Da lag sie, ein abgeflachtes Skelett, in ihr Grab versunken. Die Felsen hatten im Laufe der Jahre eine Gruft ausgehöhlt und sie teilweise vor den zerstörerischen Kräften von Gezeiten und Brandung geschützt, Heck und Spanten befanden sich in einem außergewöhnlich gut erhaltenen Zustand. Er war von Ehrfurcht überwältigt, das übertraf seine kühnsten Erwartungen.

Kurz untersuchte er die Kanone. Sie war von Meeresalgen überwuchert, und er vermutete, dass sie aus Bronze bestand, war sich aber nicht sicher. Die Brechung des Sonnenlichts in relativ seichtem Wasser hatte ihr den trügerischen Metallschimmer verliehen. Der riesige, in der Nähe liegende Anker schien hinter der dicken Muschelkruste ebenfalls zu schimmern. Es war, als strahlte er ein Leben aus, das zu seinem vergangenen Ruhm gehörte.

Die skelettartigen Überreste der Batavia aber fand Mike wirklich überwältigend. Jahrhundertelang hatte der Abrolhos-Archipel sie verborgen gehalten, sie hier gelagert und wie eine Trophäe konserviert, als wäre sie in ihrem erstaunlich wiedererkennbaren Zustand ein Beweis für seine eigene Unzerstörbarkeit.

Er schwamm über den einstigen Schiffsbauch hinweg und war sich bewusst, dass er wieder auftauchen musste, dass er noch genug Atem zurückhalten musste, um auf dem Weg nach oben kontinuierlich Luft abzulassen und den Luftdruck in seiner Lunge freizusetzen. Doch er wollte noch einen Augenblick Teil des Ganzen sein, das Bild in sich aufnehmen. Bei einem zweiten Tauchgang wäre es nie wieder dasselbe. Er umklammerte zwei der mächtigen Balken, die das Skelett des Schiffsrumpfs bildeten, und bewegte sich nicht. Er fühlte sich als Teil des Schiffes. Teil eines Schiffes, das vierhundertsechsunddreißig Jahre alt war! Der Gedanke war gigantisch. Umso mehr, als ihm die Geschichten einfielen, die ihm die Mannschaft der Pelsaert erzählt hatte. Namen schossen ihm durch den Kopf. Pelsaert, der Kommandeur; Jacobsz, der Kapitän; Cornelisz, der wohlhabende Kaufmann, der Anführer der Meuterer, die willkürlich gefoltert und gemordet hatten. Und Hunderte Namenloser – Soldaten, Matrosen, Passagiere –, über dreihundert waren an Bord, als sie sank. Er sah sie vor sich, als er sich im Rumpf des Wracks umschaute, das einst die Batavia war. Er spürte ihre Panik und vernahm ihre Schreie.

Er musste auftauchen, sagte er sich, was er hier machte, war dumm. Seine Lunge brannte, und er beschwor Probleme herauf, wenn er aus zwanzig Fuß Tiefe ohne Dekompressionspause an die Oberfläche schoss. Ach, zum Teufel, das würde ihn nicht umbringen, er würde noch einen Moment länger ausharren.

Jetzt sah er ihre gequälten Gesichter vor sich, ihre Schreie klangen in seinen Ohren. Welche Stimme, fragte er sich, gehörte zu Jeronimus Cornelisz? Welcher von ihnen war der Folterknecht, der Mörder, der Mann, der die Kinder umgebracht hatte?

Er starrte auf die Gesichter, die nun aus allen düsteren Winkeln des Wracks auf ihn zu kamen. Männer, Frauen, Kinder, allesamt zu Tode erschrocken und gepeinigt. Er suchte unter ihnen nach dem Gesicht des Bösen.

Merkwürdig, seine Lunge war nicht mehr dem Bersten nah. Eigentlich fühlte er sich seltsam entspannt, als könnte er so lange bleiben, wie er wollte. Als könnte er unter Wasser atmen.

In dem Augenblick sagte ihm der letzte Rest gesunden Menschenverstands, dass er halluzinierte. Er stand kurz davor zu ertrinken. Er stieß sich vom Wrack ab und sah zu, dass er an die Oberfläche kam. Die Stimmen hinter ihm riefen nach ihm, er solle zurückkommen und sie retten. Der silbrige Glanz der Sonne aber rief ihm nun zu, sich selbst zu retten.

Immer näher kam er ans Licht. Die Sonne war sein Leben, doch sie narrte ihn. Sie war so nah, und doch konnte er sie nicht erreichen, Panik machte sich breit, eine Eisenfaust umklammerte sein Herz und sagte ihm, er werde es nicht schaffen.

 

Die Nachricht, dass Mike McAllister einen Herzanfall erlitten habe, als er bei den Abrolhos tauchte, versetzte allen einen tiefen Schreck. Doch nicht Mike McAllister! Er war erst zweiundzwanzig! Er war der Star-Dreiviertel des A-Teams an der Uni! Mike war jung, stark und fit wie ein Turnschuh.

Mike selbst musste feststellen, wäre er nicht so jung, stark und fit gewesen, dann wäre er wahrscheinlich tot. Zumindest hatte ihm das der Kardiologe im Royal Perth Hospital gesagt, der ihn darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass er eine angeborene Herzschwäche hatte.

»Das ist nichts, womit Sie kein normales Leben führen könnten«, hatte der Arzt ihm versichert, denn ihm war bewusst, dass die Mitteilung ein Schock war, »doch den Mount Everest anzugehen und Tiefseetauchen sind bei Ihren Voraussetzungen nicht zu empfehlen. Wären Sie älter und weniger durchtrainiert gewesen und hätten sich so extrem belastet, wären Sie sehr wahrscheinlich nicht mehr am Leben. In Zukunft sollten Sie lieber darauf achten.«

 

In den Weihnachtsferien war Johanna nicht nach Manjimup gefahren. Normalerweise hätte sie es getan – obwohl sie sich vor der Erfahrung fürchtete, kehrte sie in den Ferien immer nach Hause zurück und spielte die pflichtbewusste Tochter. Doch Mike sollte nicht lange auf den Abrolhos bleiben, und sie wollte möglichst viel Ferienzeit mit ihm verbringen – um ihre Affäre so lange auszudehnen, wie es ging. Obwohl sie seit sechs Wochen zusammen waren, war sie sich seiner Gefühle für sie nicht sicherer als ganz zu Anfang. Eigentlich empfand sie es mehr denn je so, als seien ihre Tage gezählt.

Sie hatte sich überlegt, die zehn Tage, in denen er nicht da war, nach Hause zu fahren, doch im letzten Moment entschied sie sich dagegen und rief ihre Mutter an, um ihr zu sagen, sie sei von einer Freundin an der Uni in die Küstenstadt Rockingham eingeladen worden. Deren Eltern hätten dort eine Ferienhütte. Sie wusste nicht, warum sie das Bedürfnis hatte, eine so kunstvolle Lüge zu erfinden – ihre Mutter war wahrscheinlich dankbar, dass sie nicht nach Hause kam –, aber es war typisch für ihr zartes Eierschalendasein. Sie kreisten sehr vorsichtig umeinander – neuerdings mehr denn je.

Jo war jetzt zutiefst dankbar, dass sie in Perth geblieben war.

Mike erging es nicht anders. Zum ersten Mal in ihrer Beziehung spürte er, dass er sie wirklich brauchte. Und er zeigte es auch.

Johanna fiel die Veränderung an ihm auf, als sie zum ersten Mal nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus miteinander schliefen. Sie war sich nicht sicher gewesen, ob sie es tun sollten.

»Ich bin kein Invalide, Jo«, hatte er gesagt, als er ihre Zweifel spürte, obwohl er es in gewisser Weise war. Er hatte strenge medizinische Warnungen erhalten, sich in den nächsten paar Monaten nicht zu überanstrengen, doch er war zu dem Schluss gekommen, dass Sex nicht darunter fiel.

In jener Nacht, im kleinen Schlafzimmer ihrer Wohnung liebten sie sich wie nie zuvor. Ihre gemeinsamen Stunden waren immer befriedigend gewesen. Mike war ein rücksichtsvoller Liebhaber, erfahren und aufmerksam. Er achtete darauf, dass sie ihren Orgasmus hatte, bevor er kam, doch Jo hatte gespürt, dass der Beischlaf für Mike nur der sexuellen Befriedigung diente. Auf keinen Fall war es ein Liebesakt – es war nicht einmal ein gemeinsames Erlebnis, vielmehr ein höchst erfreulicher Austausch von Gefälligkeiten, und sie war sich dieser Tatsache schmerzlich bewusst. Sie hatten nur eine Affäre, und so sehr sie ihn liebte, sie hatte sich damit abgefunden.

An diesem Abend war es anders. Sie spürte, wie er sich öffnete, sich ihr vollends hingab, liebevoll alle Barrieren hinter sich ließ. Dementsprechend leidenschaftlich reagierte sie. An diesem Abend war es kein Sex, dachte sie, heute liebten sie sich, und als sie sich ihrem gemeinsamen Höhepunkt näherten, schauten sie sich in die Augen. Was sah sie dort, fragte sie sich, als ihre Liebe sie zu verschlingen drohte. War das eine Erwiderung ihrer Liebe? Oder nur die Dankbarkeit, noch am Leben zu sein?

Als sie sich zufrieden in den Armen lagen, stellte sie sich diese Frage noch immer. Sie vermutete Letzteres. Doch was es auch war, sie hatten auf jeden Fall etwas geteilt.

Sie sprachen an dem Abend auch miteinander – auf eine Weise wie nie zuvor.

Es war eine heiße, schwüle Dezembernacht. Die nachmittägliche Meeresbrise hatte an den beiden vergangenen Tagen nicht die übliche Erleichterung gebracht, und viele litten unter der Hitzewelle. Mike und Jo nicht. Sie saßen bequem im Schneidersitz zwischen den zerwühlten Laken, die Nachttischlampe beleuchtete den Schweiß auf ihrer nackten Haut, während er ihr erzählte, was bei den Abrolhos passiert war. Er hatte es niemandem gesagt, und er hatte es auch nicht vor, doch nur dieses eine Mal wollte er sich die Last von der Seele reden. Nur bei ihr.

»Die Abrolhos haben eine enorme Wirkung auf mich ausgeübt, Jo«, sagte er. »Ich meine, von Anfang an – schon vor der Herzattacke. Die Inseln sind öde, und zuerst erscheinen sie unbedeutend, aber das sind sie nicht. Sie sind gefährlich und unzerstörbar. Jahrhundertelang haben sie der Erosion getrotzt, und da sind sie, unschuldige Strukturen aus Sand und Fels, und sie warten nur ab, auf eine Gelegenheit, alles und alle zu vereinnahmen, die dumm genug sind, sie zu unterschätzen.« Er ahnte, dass seine Worte wahrscheinlich wunderlich klangen, doch es machte ihm nichts aus. »Ich spreche nicht von Böswilligkeit«, fügte er nachdenklich hinzu, »ich meine, dass die Natur hier etwas klarstellt. Man trotzt ihr auf eigene Gefahr, und genau das habe ich getan.«

Sie sagte dazu nichts, sondern wartete schweigend ab, dass er fortfuhr. So hatte er noch nie gesprochen, und sie war sich bewusst, dass er wieder etwas sehr Persönliches mit ihr teilte.

»Als ich zum Wrack hinabtauchte«, fuhr er fort, »war ich überwältigt von dem Anblick. Da lag sie, die Batavia, an der Stelle, an der sie seit über vierhundert Jahren gelegen hatte, vom Riff verteidigt wie eine Beute. Ich wollte nicht wieder weg. Es war außergewöhnlich – der Zustand des Wracks, die Schönheit des Riffs, seine schiere Macht!« Er zuckte mit den Schultern. »Da ist es mit mir passiert. Ich habe seine Macht nicht respektiert. Ich bin zu lange unten geblieben, so einfach war es.«

Mike hatte ihr nicht gesagt, dass man eine angeborene Herzschwäche bei ihm festgestellt hatte. Zu seiner eigenen Überraschung hatte er auch seinen Eltern nichts davon erzählt, denn er hatte beschlossen, dass es ausschließlich zwischen seinem Kardiologen und ihm bleiben sollte. Der Gedanke, seine Mitmenschen könnten ihn anders behandeln und ihn womöglich als »zerbrechlich« ansehen, schien ihm unerträglich.

»Ich hatte das Gefühl, unter Wasser atmen zu können«, sagte er. »Ich spürte tatsächlich, dass ich den Mund aufmachen und atmen könnte. Ich hätte ewig dort bleiben können.«

Ihm fielen die Gesichter der Toten ein, die aus dem Wrack auf ihn zugekommen waren, schreiend. Er hatte sie in der vergangenen Woche häufig vor sich gesehen, doch er fühlte sich nicht von ihnen verfolgt. Sie waren eine Lektion, eine Warnung, nicht zu weit einzudringen, die Schranken nicht zu überschreiten. Das hatte das Riff ihm mitgeteilt.

»Ich habe versucht, wieder an die Wasseroberfläche zu kommen. Aber anscheinend gelang es mir nicht.« Er erinnerte sich an die Stimmen, die nach ihm riefen, er solle zurückkommen und sie retten. »Ich konnte die Sonne durch das Wasser über mir scheinen sehen, kam aber nicht nach oben. Es war, als hätte das Riff mich zurückgezogen – mich einverleiben wollen, so wie die anderen.« Er schwieg einen Moment.

»Danach kann ich mich an nichts mehr erinnern«, fuhr er fort, »bis auf einen furchtbaren Schmerz in der Brust. Ich muss die Wasseroberfläche durchstoßen haben, und dann hatte ich die Herzattacke.« Er streckte die Beine aus und lehnte sich nachdenklich ans Kopfende des Bettes. »Weißt du, das ist ein komisches Gefühl – es hat mich dazu gebracht, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen.«

Mike wusste, dass das Erlebte seinen Sinn für die Kostbarkeit des Lebens gesteigert hatte, was vermutlich eine logische Folge war. Aber viel wichtiger erschien ihm die Klarheit, mit der er nun die Zukunft vor sich sah. Umwelt und Meeresbiologie waren keine Verpflichtung mehr. Für Mike waren sie zum Schicksal geworden. Die Abrolhos-Inseln und die Macht des Riffs hatten ihm eine unmissverständliche Botschaft übermittelt.

»Na ja, es wäre schon komisch, wenn du die Dinge nicht in einem anderen Licht sehen würdest«, sagte Jo. »Du bist beinahe gestorben. Das muss deine Perspektive einfach verändern.«

Er nickte. »Ja.« Sie hatte natürlich recht – Dankbarkeit, noch am Leben zu sein, wäre auf jeden Fall ein Grund für diese neue Zielstrebigkeit. Doch er glaubte lieber, die Zukunft sei ihm von der Umwelt selbst diktiert worden. Was nur schwer zu erklären war, entschied er. »Ja, wahrscheinlich ist es so einfach.«

»Natürlich«, sagte sie. »Ich bin froh, dass es nicht dazu gekommen ist. Dass du gestorben bist, meine ich.«

Er lächelte und zog sie zu sich heran. Ihre Offenheit begeisterte ihn jedes Mal. Jo ließ sich von niemandem etwas erzählen. »Kluges Mädchen«, sagte er. »Stößt durch den Mist direkt auf den Kern der Sache.«

»Ich dachte nicht, dass das, was du gesagt hast, Mist war«, protestierte sie.

»Das habe ich auch nicht behauptet.« Er küsste sie. »Danke fürs Zuhören.«

Sie liebten sich noch einmal. Sehr langsam, sehr ruhig. Sie hörten Kathy nach Hause kommen, die im Kino gewesen war. Sie lagen schwer atmend nebeneinander, kicherten ein wenig und hofften, dass sie nichts gehört hatte.

»Ich sterbe vor Hunger«, flüsterte Mike.

»Warte noch fünf Minuten.«

Durch den Schlitz unter der Tür sahen sie, wie im Wohnzimmer das Licht ausging.

»Sie ist zu Bett gegangen«, wisperte Jo, »bleib hier.« Sie schlüpfte in ihren Bademantel und stahl sich in die Küche.

Sie kam mit dem Käsetoast und der obligatorischen Flasche Tomatensoße wieder ins Schlafzimmer. Mike konnte Käse auf Toast nicht ohne Tomatensoße essen, und sie hatte vor kurzem festgestellt, dass sie es auch nicht mehr konnte.

»Bist du in meiner Abwesenheit in Manjimup gewesen?«, ¬fragte er, als sie den Mitternachtssnack auf dem Bett verschlangen.
»Nein.«

»Du hattest es doch vor.«
»Ich habe mich anders entschieden.«
»Warum, Jo?«
»Oh … mir war einfach nicht danach.«
»Nein, ich meine, du willst nie hinfahren. Wie kommt das?«

Er sah sie aufmerksam an. Bisher hatte er kein Interesse an ihrem Zuhause gezeigt, dachte sie. Andererseits hatte sie das Thema auch immer umschifft – vielleicht hatte er ihre Privatsphäre re¬spektiert. Da er sich gerade eine Last von der Seele geredet hatte, dachte er wahrscheinlich, es wäre an der Zeit, dass sie es auch machte. Aber sie zögerte noch, unsicher, wie viel sie ihm mitteilen konnte.

»Ich kann meinen Stiefvater nicht ausstehen«, sagte sie schlicht.

Er nickte und wartete, dass sie fortfuhr. Sie hatte ihm erzählt, ihr Vater sei gestorben, als sie noch ein Kind war, und dass ihre Mutter wieder geheiratet habe, mehr aber nicht.

»Er ist ein Perverser. Aber meine Mutter weiß es nicht, und ich kann es ihr nicht sagen.«

Mike betrachtete sie eine Weile. Johannas Fähigkeit, eine Situation lakonisch zusammenzufassen, war eine Eigenschaft, die er bewunderte, doch er wollte sich nicht mit so wenigen Einzelheiten abspeisen lassen. Diesmal nicht. Nicht heute Abend.

»Erzähl mehr«, sagte er.

Sie hielt inne und stellte dann mit Bedacht ihren Teller bei¬seite.

»Mein Stiefvater Darren hat mich sexuell belästigt, seit ich zehn war. Als ich noch klein war, hat er immer versucht, mich im Bad zu erwischen, oder wenn ich mich auszog. Oder er erfand eine Ausrede, um mich zu berühren. Er bewunderte dann ein Kleid oder eine neue Frisur, alles, was ihm die Möglichkeit gab, ein bisschen an mir herumzufummeln. Herrgott, er ist ekelhaft.«

Sie hätte es dabei bewenden lassen können. Aber nun rollte sie sich auf die Seite, lehnte sich auf einen Ellbogen, stützte den Kopf in die Hand und fuhr fort.

»Ich weiß noch, als ich zwölf war, wünschte ich mir, er würde irgendetwas Eindeutiges tun, und Mum würde ihn dabei erwischen. Dann würde sie die Wahrheit über das Arschloch erfahren, das sie geheiratet hatte. Aber er hat es nie getan – dazu war er zu schlau. Und Mum hat immer an mir herumgenörgelt, weil ich so mürrisch war. ›Darren will nur ein guter Stiefvater sein‹, Jo verzog das Gesicht, als sie ihre Mutter nachahmte, ›aber du gibst ihm ja keine Chance.‹ Was zum Teufel konnte ich denn tun? Hätte ich ihr die Wahrheit gesagt, hätte sie mich der Lüge bezichtigt. Sie hielt mich für eifersüchtig. Als ich mich weigerte, seinen Namen anzunehmen, sagte sie mir, ich sei absichtlich gehässig.

Arme Mum.« Jo schüttelte bedrückt den Kopf. »Wenn sie nur gewusst hätte, wie sehr ich mich nach einem Dad sehnte. Ich kann mich an meinen echten Vater kaum erinnern – er starb, als ich sechs war. Mein Pech, dass ich so einen wie Darren abbekam.« Sie ließ jetzt alles raus, und in gewisser Weise war es eine Erleichterung, darüber zu sprechen.

»Neuerdings traut er sich nicht mehr, seine Tricks bei mir auszuprobieren, aber der Schaden ist ja längst angerichtet. Er hat die Beziehung ruiniert, die ich früher zu meiner Mutter hatte, und dafür verabscheue ich ihn. Ich kann es nicht ertragen, in seiner Nähe zu sein, ich kann die Spielchen nicht ab, die wir spielen, und am wenigsten kann ich mich selbst ertragen.«

Jetzt hatte sie es ausgesprochen. Endlich hatte sie sich zur Wahrheit bekannt.

»Warum das denn um alles in der Welt?«, fragte Mike leise, räumte die Teller zusammen und stellte sie auf den Nachttisch.

»Weil ich zulasse, dass er mir die Uni ermöglicht. Er bezahlt alles. Ich kriege sogar eine ansehnliche monatliche Zuwendung.« Ihre Stimme war jetzt harsch. »Darren ist leitender Angestellter bei Bunnings Timber Mills – er kann es sich leisten, er ist ziemlich wohlhabend.«

Mein Gott, ist sie verbittert, dachte er.

»Natürlich hätte ich sein ›großzügiges Angebot‹ ablehnen sollen, wie meine Mutter es von Anfang an bezeichnet hat. Aber das konnte ich nicht, ohne das Wenige zu zerstören, das meiner Mutter und mir noch blieb. Zumindest habe ich mir das eingeredet«, fügte sie mit einem Anflug von Zynismus hinzu. »Aber ich wollte Medizin studieren, daher war es vielleicht eine Lüge.«

Es war ganz und gar nicht gelogen. Sie hatte ihre Karriere auf die harte Tour in Angriff nehmen wollen – alles, nur nicht Darren verpflichtet sein. Sie wollte arbeiten und ein Jahr lang sparen, bevor sie an die Uni ging, und auch während des Studiums kellnern. Warum nicht? Das hatte sie ihrer Mutter sagen wollen. Doch ein solcher Plan hätte wohl das Ende ihrer Beziehung zu ihrer Mutter bedeutet. Es wäre auf eine Wahl zwischen Darren und ihr hinausgelaufen, und ihre Mutter hätte sich sehr wahrscheinlich für Darren entschieden. Warum auch nicht? Sie liebte ihn.

»Die Spielchen sind jetzt noch schwieriger«, sagte Jo. »Ich gebe mir die größte Mühe, das dankbare, verständnisvolle Stiefkind zu geben, doch Mum durchschaut mich. Sie hält mich für undankbar, weil ich Darren nicht als Förderer und Vaterfigur annehme, und ich hasse mich dafür, eine Lügnerin und Heuchlerin zu sein.« So, sagte ihre Stimme, das war das Ende ihrer Geschichte. Der Geschichte, die sie niemandem erzählt hatte.

»Du bist der am wenigsten heuchlerische Mensch, den ich kenne«, sagte Mike, kuschelte sich neben sie und nahm sie in die Arme. Eine scheußliche Situation für eine Frau, die so ehrlich und integer war wie Jo, dachte er.

Sie schmiegte sich an ihn, wohlwissend, dass sie ihre Seele bloßgelegt hatte, und sie fragte sich, ob sie es später wohl bereuen würde. Vorläufig jedoch war sie froh. Sie hatten beide ihre Seelen offengelegt, oder nicht? Und noch nie waren sie sich so nahe gewesen. Ein vages Gefühl der Hoffnung, das sie vorher nicht empfunden hatte, stieg in ihr auf.