MARALINGA
Pfade der Träume

Krüger Verlag - ISBN 978-3-8105-1319-9



Sein Name ist Amitu, und er ist ein Kokatha aus der südlichen Wüste des Landes der Vorfahren. Er steht allein da, die Sohle des rechten Fußes ans linke Knie gedrückt, den Speer in der rechten Hand, der ihm das perfekte Gleichgewicht verleiht. Er wartet. Seit dem Morgengrauen wartet er, ist aber nicht erschöpft; er ist ein starker Mann, Vater zweier strammer Söhne, ein ausgezeichneter Jäger und in seinem Stamm hoch geschätzt. Jetzt aber ist er weit entfernt von seinem Stamm. Viele Tagesmärsche trennen ihn vom Süden.

Amitu wurde im Traum von der Regenbogenschlange zu den heiligen Felsen gerufen. Zehn Tage lang ist er nach Norden gegangen und dabei einem der zahlreichen Tjurkurpa-Pfade gefolgt, die nach Kata Tjuta und Uluru führen, und jetzt ist er in Pitjantjatjara, knapp einen Tagesmarsch vom Mutterfelsen aller Menschen entfernt. Die Geister wollen nicht, dass er noch weiter geht. Er weiß, dass er hier an diesem Wasserloch warten muss.

Nicht der leiseste Windhauch regt sich an diesem Tag. Das Land ist ein glatter, roter Teppich, und die Blätter der Wüstenweide hängen reglos und schlaff über dem fast ausgetrockneten Wasserloch. Die Sonne steht hoch am Himmel, die Hitze ist auf ihrem Höhepunkt, und alles ist atemlos still. Kein Vogel fliegt über ihm, kein Insekt wirbelt Staub auf, kein Tier raschelt im harten Gras in der Nähe.

Das Land wartet, denkt Amitu. Die Geister sind nah. Er spürt ihre Gegenwart und hat seine Atmung auf ein Minimum reduziert, alle Gedanken aus dem Kopf vertrieben, um die Geister zu empfangen. Er ist wie in Trance, dennoch vermag er die aufkeimende Angst nicht zu ersticken. Was ist, wenn die Geister mamu sind? Im Grunde seines Herzens glaubt er, dass die Regenbogenschlange ihn nicht gerufen hat, um ihn zu vernichten, denn er hat kein Unrecht getan, mit dem er die Strafe böser Geister auf sich ziehen würde. Trotzdem fürchtet er sich.

Jetzt sieht er sie, von Westen her über die wellenförmigen Sandebenen kommend, dunkle Schatten, die in der wabernden heißen Luft tanzen. Sie kommen näher. Immer näher, bis sein gesamtes Blickfeld mit ihren tanzenden Gestalten ausgefüllt ist. Sie singen, während sie ihn umzingeln, und ihre Stimmen sind der Gesang des Landes selbst, das Echo allen Lebens. Züngelnden Flammen gleich umfangen sie seinen Körper, und das Lied, das sie singen, hüllt seinen Verstand ein. Amitu wird verschlungen. Aber er fürchtet sich nicht mehr. Er freut sich. Diese Geisterwesen sind nicht mamu. Sie sind gute Geisterwesen, die ihm Gutes wünschen.

    Ho! Amitu, du bist geduldig
    wartest schweigend mit deinem Gesang
    wir sind vom Träumenden Wesen,
    bringen dir den neuen Gesang.

    Tanzen vor dir und um dich herum
    Lausche unserem tanzenden Gesang
    Tanze in uns, tanze mit uns,
    Amitu, lerne diesen tanzenden Gesang

    Amitu, lerne diesen Gesang der Warnung
    Lehre deine Kinder diesen neuen Gesang
    Ho! Amitu, lehre Anangu
    lehre sie alle diesen Schicksalsgesang.

Amitu überlässt sich den Geistern. Er schließt sich ihrem Corroboree an, tanzt und singt, bis der Abend anbricht, immer weiter, die ganze Nacht hindurch. Er wiederholt den Gesang, der ihm beigebracht wird, das Lied von den Sieben Sternen, das ihm die Geistwesen vorsingen. Er versteht den Sinn des Liedes nicht, fragt aber nicht nach seiner Bedeutsamkeit. Immer wieder singt er die Wörter, bis er jedes einzelne auswendig kann.

Den ganzen nächsten Tag tanzt und singt Amitu. Dann, als die Sonne untergeht, verliert er das Bewusstsein, und die Geistwesen kommen im Traum zu ihm. Eins nach dem anderen kniet neben ihm nieder, und er hört zu, wie sie ihre Prophezeiung singend vervollständigen.

Die Geistwesen in Amitus Traum sagen eine Reihe von katastrophalen Ereignissen voraus, die in ferner Zukunft über das Land und seine Einwohner hereinbrechen werden. Zu einer Zeit, in der Männer mit weißer Haut die Welt der Kokatha bewohnen werden, die der Pitjantjatjara und Yankuntjatjara, sowie vieler anderer, die durch das Land der Vorfahren streifen.

Sieben Sterne werden geboren, erzählen die Geister Amitu: sieben Geburten, und eine jede wird die anderen an Grausamkeit überbieten wollen. Licht wird aufblitzen, so hell, dass alle, die direkt hineinschauen, ihr Augenlicht verlieren werden, und jeder in den Himmel aufsteigende Stern wird eine Wolke aus Geburtsstaub nach sich ziehen, der alle tötet, auf die er fällt.

Die Geistwesen sagen voraus, dass die Erde verflucht werden wird, eine kahle Landschaft, in der kein Geschöpf überleben wird. Denn diese Sterne, so sagen sie, sind mamu. Diese neugeborenen mamu werden große Macht ausüben und vielen aus Amitus Volk den Tod bringen. Auch die Ungeborenen aus Amitus Volk werden sterben und dem Geburtsstaub zum Opfer fallen. Und das Land selbst wird mamu werden.

Amitu wird wach und ist allein. Er weint um sein Volk. Er streckt die Arme aus und fleht die Geistwesen an, bei der Großen Schlange Fürbitte einzulegen und sein Volk zu retten. Alles ist still. Er weint, und der Wüstenstaub trinkt seine Tränen.

Eine Brise bewegt die Blätter der Weide. Das Gras raschelt, und er vernimmt die Stimmen der Geistwesen, herangetragen vom Wind:

Das Lied, Amitu. Lehre deine Kinder das Lied von den Sieben Sternen. Du hast die Wörter dieses Tanzliedes gut gelernt. Jemand, der weder gedemütigt noch verflucht werden kann, wird den Staub von dem Land schütteln. Ein Kind deines Volkes muss dieses Lied singen, Amitu. Erst dann werden die mamu ihren Griff lockern.