FEUERPFAD

Krüger Verlag - ISBN 3-8105-1315-6

Es ist der Tag der Pferderennen auf Bullalalla und der wohlhabende Besitzer der Rinderzuchtsation, Terence Galloway, hat vor, seiner jungen englischen Frau, Henrietta, eine Lektion zu erteilen. Sie hat ihm vor anderen Leuten öffentlich widersprochen und das gefällt ihm überhaupt nicht. Also sorgt er dafür, dass sie nicht ihr geliebtes Pferd Florian reiten kann, sondern das alte Pony Schlaftablette.

….. "Du könntest dich verletzen", sagte er. Dann verkündete er der versammelten Gesellschaft, die inzwischen alle interssiert zuschauten: "Florian ist sehr schwer zu halten, sie ist schon zweimal abgeworfen worden."

"Das ist zwei Jahre her!"

"Bitte, Liebes", er küsste sie flüchtig, und in seiner Stimme schwang tiefe Besorgnis mit, "mir und Malcolm zuliebe, reite ihn nicht."

Seine Augen aber waren noch immer ausdruckslos. Er spielte mit ihr. Sie sollte öffentlich gedemütigt, in ihre Schranken verwiesen werden.

"Na schön, dann eben Schlaftablette." Sie lachte, als sie sich an die anderen wandte. "Tut mir schrecklich Leid um Ihre Wette, Foong Lee."

 

Buff Nelson kündigte die Veranstaltung über Megaphon an. Es war ein Pferderennen für Damen, und die Regeln waren leicht. Sobald er anpfiff, sollten die zwölf Konkurrentinnen ans Ende des Ovals galoppieren, absteigen und mit den Zähnen einen Stock aufnehmen, der auf ihrem jeweiligen Ölfass lag. Dann mussten sie wieder aufsteigen und zurück reiten. Die Erste, die die Ziellinie überquerte, zum Podium galoppierte und Buff persönlich den Stock überreichte, hätte das Rennen gewonnen. Diese Veranstaltungen gehörten zum vergnüglichen Teil des Tages und fanden allgemein Beifall.

Henrietta stellte sich in einer Reihe mit den anderen abgehärteten Frauen aus dem Outback auf, die zerknitterte Männerhüte trugen, leicht auf ihren stämmigen, tänzelnden Pferden saßen und den Start kaum erwarten konnten. Schlaftablette hatte die Hufe fest in den Staub gestemmt, und Henrietta hoch oben auf seinem breiten Rücken kam sich in ihrer Reithose und der schmucken Reiterkappe albern vor. Sie stieß mit Schlaftablette gemeinsam einen resignierten Seufzer aus; es war, als wüssten sie beide, was sie erwartete.

Bluff pfiff das Rennen an, und alle legten los, auch Schlaftablette, er war ein folgsames Tier und kannte die Regeln. Doch er ging im Schneckentempo, und während die Zuchtpferde losgaloppierten, trottete er mühsam vor sich hin; Henriettas wilde Fersenhiebe in seine gut gepolsterten Flanken brachten ihn schließlich in Trab, mehr war nicht zu machen.

Jackie trat aus der Menge und lief neben ihnen her. Er trieb das Pferd in seiner fremden Sprache an, und erstaunlicherweise verfiel Schlaftablette in einen kurzen Galopp. Eine faule, nachlässige Gangart. Er war es nicht gewohnt, doch Jackie zuliebe versuchte er es.

Selbst Jackies Beschwörungen vermochten keine Wunder zu wirken, und Henrietta sah in der Ferne durch den aufgewirbelten Staub der anderen, wie die Frauen abstiegen und ihren Stock zwischen die Zähne nahmen, während ihre Pferde schnaubten und ungeduldig tänzelten, da sie das Rennen wieder aufnehmen wollten. Eine Reiterin ließ die Zügel los, und ihr Pferd ließ sie stehen und galoppierte mit den anderen davon. Henrietta war erst auf halber Strecke zu den Ölfässern, als die anderen ihr auf dem Rückweg entgegen kamen. Den Stock im Mund, winkten sie ihr zu, und sie winkte zurück, während Schlaftablette weiter trottete.

Die Zuschauer lachten und jauchzten vor Vergnügen. Das musste die Scherzeinlage sein. Die Viehtreiber lachten Jackie Yoorunga aus, der in der Sprache der Pferde auf ein dickes, faules Tier einredete, das nicht zuhörte, und alle anderen lachten über die Frau des Besitzers von Bullalalla in ihrer Reithose und der schmucken Reiterkappe, die sich zum Narren machte. So etwas hatten sie noch nie erlebt.

Henrietta stieg beim Ölfass ab. Schlaftablette wartete geduldig neben ihr, ohne einen Muskel zu rühren. "Guter Junge", murmelte sie, doch Schlaftablette war sehr dankbar für die kurze Atempause. Henrietta nahm den Stock zwischen die Zähne - ihr Mund war trocken und schmeckte nach rotem Staub - und stieg wieder auf.

"Lassen Sie ihn nicht fallen, Missus", sagte Jackie und zeigte auf den Stock. Dann lief er los und erreichte die Ziellinie noch ehe Schlaftablette die halbe Strecke zurückgelegt hatte.

Schlaftablette trottete müde zurück, die Zuschauer spendeten begeistert Beifall. Ohne Jackies Zureden weigerte er sich zu galoppieren und verfiel sogar noch aus dem Trab in den Schritt. Henrietta gab auf und saß einfach im Sattel, winkte nach rechts und links, mit dem Stock im Mund albern grinsend. Sie kam sich vor wie ein Apportierhund, doch wenn sie alle etwas zu lachen haben wollten, na gut, sie würde den Spaß mitmachen.

Als sie die Ziellinie erreichte, schwenkten die Outback-Frauen, die ihr Rennen längst beendet hatten, ihren Stock und jubelten ihr zu. Henrietta hatte das Gefühl, als würde alle Welt sie auslachen. Doch merkwürdigerweise machte es ihr nichts aus. Wenn Terence es so wollte, bitte. Wenn sie ihre Demütigung nicht zeigte, dann würde er keinen Sieg davontragen.

"Guter Junge, Schlaftablette", murmelte sie zwischen den Zähnen, die noch immer fest um den Stock geschlossen waren, und sie tätschelte den Hals des Pferdes, als es gehorsam zu Buff Nelson stapfte, der auf dem Podium stand.

"Die Siegerin!", brüllte Buff durch das Megaphon, und während Henrietta noch glaubte, das alles gehöre zu dem Spaß auf ihre Kosten, erläuterte er es den Zuschauern.

"Die Regeln waren klar", schrie er, "jede Reiterin muss sich bei mir mit dem Stock im Mund melden. Die anderen Teilnehmerinnen haben den Stock aus dem Mund genommen, ehe sie sich beim Kampfrichter meldeten, und deshalb sind sie disqualifiziert."

Die Regeln waren keineswegs klar gewesen, dachte Henrietta. Sie war so befangen gewesen, dass sie den vermaledeiten Stock ganz vergessen hatte. Sie schaute Jackie an, der neben dem Podium stand und ihr sein Zahnlückenlächeln zeigte. War das Jackies Werk? Oder Buffs? Das Lächeln auf Buffs wettergegerbtem Gesicht war ebenso breit. Die Reiterinnen winkten mit ihren Stöcken und grinsten. Die Zuschauer spendeten großzügig Beifall. Alle waren froh, dass Henrietta gewonnen hatte. Was für eine gute Sportsfrau die Gattin des Bosses doch war, dachten alle.

 

Terence hatte den Schaden, entschied Henrietta, als sie abstieg und die Stufen zum Podium hinauf ging.

"Die Siegerin!", brüllte Buff noch einmal, als sie den Stock aus dem Mund nahm und ihm überreichte. "Mrs. Terence Galloway!" Er hielt den Stock zur Bestätigung ihres Triumphes hoch.

Henrietta setzte die Reiterkappe ab und machte einen Knicks; Männer pfiffen und Frauen jubelten. Sie unterstützte die Zuschauer noch, verbeugte sich und warf Kusshände in alle Richtungen, besonders zur Haupttribüne hin.

"Gut gemacht, Schatz." Terence umarmte sie, als sie im Kreise ihrer Freunde auf die Haupttribüne zurückkehrte. Paul und Aggie, Foong Lee und sein Sohn Albert waren alle an die Rennbahn gelaufen, um sie vom Podium abzuholen. Auf dem Rückweg war sie immer wieder stehen geblieben, um Viehtreibern, deren Frauen und Leuten aus der Stadt die Hand zu schütteln. Ihr wurde mit einemmal klar, dass sie die beliebteste Person weit und breit war.

Jetzt, als Terence sie umarmte und die Familie sie hochleben ließ, suchte sie nach Anzeichen für seine Missbilligung. Seine Augen hätten ausdruckslos sein sollen, waren es jedoch nicht. Es lag sogar ein Hauch Stolz darin, als er sagte: "Das hast du sehr gut gemacht. Nicht wahr, Hans?", fügte er hinzu und schaute zu dem Holländer hinüber. Henrietta hatte das Gefühl, eine Prüfung bestanden zu haben. Er bewunderte sie zwar dafür, doch die Regeln bestimmte immer noch er.